|
|
Mini-Blockheizkraftwerk
Quelle: www.spiegel.de
Mini-Kraftwerke sollen Stromkunden befreien
Von Frank Grünberg
Die Energiepreise steigen rapide - und mit ihnen das Interesse der Verbraucher,
sich von den Stromkonzernen loszusagen. Hersteller kühlschrankgroßer Kraftwerke,
die Wärme und Strom im Keller von Einfamilienhäusern erzeugen sollen, sehen ihre
Stunde gekommen.
Uli Seitz setzt auf Öko. Der Geschäftsführer der Sunmachine
Vertriebsgesellschaft in Kempten will Mikro-Blockheizkraftwerke verkaufen -
betrieben nicht mit Diesel, Gas oder Sonnenenergie, sondern mit Holzpellets.
Angesichts steigender Ölpreise und hoher staatlicher Subventionen für
Brennmaterial aus nachwachsenden Rohstoffen eine ziemlich clevere Idee. Ab
Januar 2006 will Sunmachine die Geräte über das Sanitär- und Heizungs-Handwerk
vertreiben. "Im ersten Jahr wollen wir 3000 Stück verkaufen", sagt Seitz.
Gerhard Heidorn/ Technology Review
Kleiner als ein Kühlschrank: Mini-Kraftwerk auf Holzpellets
Die Aussicht, die effiziente Kraft-Wärme-Kopplung in Wohnhäusern zu etablieren,
versetzt die Branche in Gründerstimmung. In Industrie- oder Gewerbebetrieben
kommen Blockheizkraftwerke (BHKW) seit vielen Jahren zum Einsatz. Nun hoffen die
Hersteller auf den Einzug ins private Eigenheim. Sieben Produkte, die diesen
Massenmarkt öffnen sollen, listet der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung in
seiner jüngsten Übersicht. Gut die Hälfte der Geräte kann man bereits kaufen,
der Rest soll in den nächsten zwei Jahren auf den Markt kommen.
Anders als Großkraftwerke, die durchschnittlich zwei Drittel der Primärenergie
als Abwärme an die Umwelt verlieren, vereinen BHKW Heizkessel und Stromgenerator
direkt beim Verbraucher und steigern den Wirkungsgrad auf über 90 Prozent. Etwa
drei Viertel der gewonnenen Energie stellt ein BHKW thermisch für die Heizung
oder das Warmwasser bereit, den Rest als elektrischen Strom. Für
Einfamilienhäuser gilt eine elektrische Leistung von fünf Kilowatt als
ausreichend. Und viele so genannte "Mikro-BHKW" sind nicht größer als ein
Kühlschrank.
Die Hersteller arbeiten an unterschiedlichen technologischen Konzepten. Diesel-
und Ottomotoren sind als Erzeuger für Strom und Wärme schon seit langem im
Einsatz. Doch geschlossene Motorenkonzepte, bei denen die Verbrennung nicht im
Kolbenraum, sondern außerhalb stattfindet, sind für solche Anlagen besonders
geeignet.
Etwa der Stirling-Motor, der 1816 von dem Schotten Robert Stirling erfunden
wurde. Über einen Wärmetauscher wird das Gas im Kolbenraum erwärmt, sodass es
sich ausdehnt und einen Kolben bewegt, der wiederum einen Generator antreibt.
Sobald das Gas abkühlt, pendelt der Kolben zurück. Dann beginnt der Kreisprozess
von vorn. Obwohl der Stirling-Motor sehr verschleißfrei arbeitet, konnte er sich
gegen die Konkurrenz lange Zeit nicht durchsetzen. Denn dort, wo die Abwärme der
Motoren ungenutzt bleibt, beispielsweise bei Kraftfahrzeugen, sind
Stirling-Aggregate zu teuer.
Da bei BHKW jedoch auch die Wärmeleistung zählt, feiern die Stirling-Motoren in
diesem Anwendungsfeld ihr Comeback. In den Geräten von Sunmachine werden
Holzpellets auf einem Keramikgitter bei 850 Grad Celsius verbrannt und die
kräftige Flamme auf den Erhitzerkopf eines
Stirling-Motors gelenkt.
Dessen Robustheit kommt den kommerziellen Anforderungen sehr zugute. "80.000
Stunden läuft die Anlage störungsfrei", sagt Geschäftsführer Seitz, das
entspricht mehr als neun Jahren Dauerbetrieb.
Auch die Otag GmbH aus dem sauerländischen Olsberg hat ihren Hut in den Ring
geworfen. Der Hersteller drängt seit 2005 mit seinem "Lineator"-Konzept ins
private Eigenheim. Das Herzstück dieses Mikro-BHKW bildet ein Kolben, der frei
in einer Röhre schwingt. Um den Kolben zu bewegen, verdampft ein Gasbrenner
Wasser bei 300 Grad Celsius. Der Dampf wird abwechselnd in die Kammern links und
rechts des Kolbens geleitet und kühlt dort wieder ab.
Etwa 3000 Mal pro Minute zittert der Kolben aufgrund des Wechsels von Expansion
und Kompression durch eine Magnetspule und induziert dort elektrischen Strom.
Die überschüssige Wärme wird über einen Wärmetauscher an ein externes
Rohrleitungssystem abgegeben und für die Raumheizung oder das Brauchwasser des
Eigenheims nutzbar gemacht.
Das Berliner Start-up-Unternehmen Enginion wiederum will die klassische
Kolben-Dampfmaschine wieder beleben, im Funktionsprinzip ähnlich den Antrieben
der alten Dampf-Lokomotiven. An der Gründung des Unternehmens Ende 2000
beteiligten sich auch ehemalige Ingenieure der zum VW-Konzern gehörenden IAV
GmbH, einem der weltweit größten Entwicklungsdienstleister in der
Automobilbranche. In ihrer "SteamCell" wird heißer Wasserdampf zum Antrieb des
Motors genutzt. 2007 soll die erste Maschine dieser Bauart auf den Markt kommen.
Neben der direkten Konkurrenz beobachtet vor allem Eon die Entwicklungen bei
Enginion mit Argusaugen. Der Energiekonzern ist über eine Risikokapital-Tochter
an dem Startup beteiligt und hält sich so eine Tür zum wachsenden Markt der
dezentralen Energieversorgung offen.
In England ist das Unternehmen sogar angetreten, den Energieversorgungsmarkt
völlig umzukrempeln. Im Oktober 2004 verkündete die Eon-Tochter Powergen, dass
sie in den kommenden fünf Jahren 80.000 Mikro-BHKW der Marke "WhisperGen" auf
der britischen Insel vertreiben wolle. Die Geräte kommen vom neuseeländischen
Hersteller WhisperTech und arbeiten mit einem gasbeheizten Stirling-Motor. Vor
gut einem Jahr stattete Eon 550 Haushalte in East Manchester mit diesen Anlagen
aus.
Zwölf Monate später scheint die Begeisterung allerdings verflogen. Powergen mag
sich über den Fortgang des Projekts nicht äußern. Marktbeobachter berichten von
technischen Schwierigkeiten.
Offener spricht Joachim Berg, Leiter des Entwicklungsprogramms Brennstoffzelle
bei Vaillant, über die Kinderkrankheiten von Kleinkraftwerken. Das Remscheider
Unternehmen hat - teilweise unterstützt von der Europäischen Union - seit 2001
mehrere Feldtests mit methanolbetriebenen
Brennstoffzellen-BHKW gestartet. Insgesamt 60 Geräte wurden quer durch
Deutschland in Mehrfamilienhäusern, Kleingewerbeobjekten und öffentlichen
Einrichtungen installiert.
Doch auch mit dieser Technik waren die Ergebnisse ernüchternd. Nach fast einer
Million Betriebsstunden zeigen sich erhebliche Probleme mit der Technik, aber
auch in der Wirtschaftlichkeit.
Auch die Herstellungskosten bereiten den Entwicklern Kopfzerbrechen: Der Preis
für die Prototypen entspräche dem eines "handgefertigten Ferrari", heißt es im
Unternehmen. Um konkurrenzfähig zu werden, müsse man den Preis von 20.000 Euro
deutlich unterschreiten. Entwicklungschef Berg hält daher eine Serienreife vor
2010 für ausgeschlossen. Aber zunächst wird wohl die Konkurrenz den wachsenden
Markt unter sich aufteilen.
750.000 Heizkessel werden jährlich in Deutschland ausgetauscht. Um den Ausstoß
von Klimagasen zu senken, treibt die Bundesregierung die Entwicklung und
Vermarktung der Mikro-BHKW durch entsprechende Gesetze voran. Die Einspeisung
von Mikro-BHKW-Strom ins Netz wird ebenso vergütet wie der Einsatz von
nachwachsenden Rohstoffen als Brennmaterialien.
So rechnet Sunmachine potenziellen Kunden vor, dass sie für jeden Euro, den sie
in Form von Holzpellets verheizen, 1,30 Euro Vergütungen vom Staat bekommen
können. Eine Investitionshilfe, die eine Anschaffung solcher Maschinen trotz
eines Preises von mehr als 23.000 Euro attraktiv erscheinen lässt.
Adi Golbach, Geschäftsführer des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung, glaubt
daher fest an eine Zeitenwende. "In vielen deutschen Kellern wird es schon in
einigen Jahren ganz anders aussehen", sagt er. Mit den Mikro-BHKW-Anlagen
gewinne nicht nur eine umweltfreundliche Technik an Bedeutung. "Zugleich ist das
für das Handwerk ein Konjunkturprogramm, das wie gerufen kommt."
© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover
weitere Infos:
Blockheizkraftwerk - Solarkraftwerk -
Glossar
|
|