Schönauer Stromrebellen trotzen „Arroganz der Macht“ |
|
Schönau scheint auf den ersten Blick ein verschlafenes Örtchen im ländlichen Südschwarzwald zu sein. Bei der Energieversorgung sind die Schönauer alles andere als verschlafen:
Im Gasthof in der Ortsmitte brennen Energiesparlampen, ein Blockheizkraftwerk hinter dem Haus produziert Strom. Das Dach der evangelischen Kirche glänzt im winterlichen Sonnenlicht, weil es vollständig aus Solarzellen besteht, die Licht in Strom umwandeln. Auf vielen Hausdächern Schönaus prangen die umweltfreundlichen Photovoltaikanlagen, in den Kellern produzieren Blockheizkraftwerke Strom. Vor acht Jahren haben die 2560 Schönauer Bürger die Stromversorgung in ihrem Ort vom Netzbetreiber übernommen und weltweit Schlagzeilen gemacht. Ursula Sladek und ihr Mann Matthias erzählen die Geschichte, die 1986 vor dem Hintergrund der Tschernobyl-Katastrophe mit der Gründung der Bürgerinitiative „Eltern für atomfreie Zukunft“ begann. Kurz darauf wurde der erste Schönauer Stromsparwettbewerb ausgelobt.
Vor dem Auslaufen des Konzessionsvertrags habe der Stromanbieter die Stadt mit 100 000 Mark für die vorzeitige Vertragsverlängerung ködern wollen, den Forderungen der Bürger nach Stromspartarifen und besserer Vergütung des eingespeisten Ökostroms aber kein Gehör geschenkt. „Diese Arroganz der Macht hat uns herausgefordert“, erzählt Matthias Sladek. Nun suchte die Initiative selbst nach Wegen, die 100 000 Mark aufzubringen, um die vorzeitige Verlängerung des Konzessionsvertrages zu verhindern.
250 Bürger investierten jährlich 100 Mark über vier Jahre – das Geld kam schneller in die Kasse, als die Initiative erwartete. „Von vornherein war eine breite Verankerung in der Gemeinde erwünscht, deshalb beteiligten sich viele mit einem relativ geringen Betrag“, erzählt das Ehepaar Sladek. Derart ermutigt wuchs der Wunsch, das Stromnetz kommunal selbst zu verwalten und Ökologie mit Ökonomie zu koppeln. Zunächst fanden Bürgemeister und Gemeinderat die Pläne absurd und beschlossen die vorzeitige Verlängerung der Konzession mit dem alten Netzbetreiber. Die Initiative konterte mit einem Bürgerbegehren, bei dem sich 56,4 Prozent der Schönauer für die Aufhebung des Gemeinderatsbeschlusses entschieden.
Beim Kauf des Stromnetzes habe man sich trotz des viel zu hohen, vom Netzbetreiber festgelegten Kaufpreises mit Bürgerbeteiligungen und Fonds geholfen: Innerhalb kürzester Zeit sei das Geld zusammen gewesen. Einigen Schönauern war der geforderte Preis von 8,7 Millionen Mark (statt der von Gutachtern errechneten 3,9 Millionen) zu hoch. Sie setzten ein zweites Bürgerbegehren gegen den Kauf durch, das aber die Initiative nicht zu stoppen vermochte, so dass der Netzübernahme am 1. Juli 1997 nichts mehr im Wege stand.
Dem Netzbetreiber wurde das überhöhte Entgelt bezahlt, geklagt wurde erst später. Und auch hier bekamen die Stromrebellen aus Schönau Recht: Ein Gericht legte den Wert des Netzes auf 3,5 Millionen Mark fest. Die inzwischen gegründeten Elektrizitätswerke Schönau freuten sich über die überaus hohe Rückzahlung, die im letzten Jahr erfolgte.
Quelle: www.echo-online.de
|