Nachwachsende Rohstoffe - Mit Tradition in die Zukunft?
Nachwachsende Rohstoffe sind in Zeiten des Klimawandels stärker im Gespräch als
je zuvor. Daher sind die ersten Assoziationen zu diesem Thema meist die Stoffe,
von denen sie Anfang des vergangenen Jahrhunderts abgelöst wurden: Fossile
Energieträger wie Erdöl und Kohle sind zwar traditionelle Energielieferanten,
traten aber als solche erst vor relativ kurzer Zeit die Nachfolge von
nachwachsenden Rohstoffen an. Allgemein werden nachwachsende Rohstoffe als
Stoffe definiert, die aus lebendiger Materie stammen und vom Menschen
zielgerichtet außerhalb des Nahrungs- und Futterbereichs verwendet werden.
An dieser Stelle wird sichtbar, welche Aspekte die Diskussion um nachwachsende
Rohstoffe begleiten: Ökologische Abwägungen stehen im Konflikt zu
wirtschaftlichen. Auch in der Politik wird die Verwendung nachwachsender
Rohstoffe thematisiert. Um einen umfassenden Überblick zur Thematik zu erhalten,
ist es aber wichtig, nicht nur aktuelle, sondern auch historische Gesichtspunkte
einzubeziehen.
Nachwachsende Rohstoffe finden nicht nur als Energielieferanten Anwendung,
sondern auch als Werk- und Kunststoffe (Holz zur Herstellung von Möbeln, Papier
und Brennstoffen wie Holzkohle), Textilien (Baumwolle, Seide, Kokosfasern sowie
Fasern tierischen Ursprungs wie Schafwolle), Arzneimittel, Färbe- und
Verbrauchsstoffe (Indigo zur Färbung von Bluejeans) sowie als Fette, Öle
(Bienenwachs und Jojoba in der Kosmetikindustrie) und Düngemittel (Guano). So
zählen neben Wolle, Baumwolle und Leinen auch Hanf, Naturkautschuk, Guano, Kopra
sowie Produkte aus dem Wahlfang zu den nachwachsenden organischen Rohstoffen.
Letztere wurden noch im 18. und 19. Jahrhundert als Brenn- und Schmiermittel,
aber auch als Arzneimittelgrundlage genutzt. Noch im ersten Weltkrieg war
Glyzerin aus Walöl ein essentieller Bestandteil von Sprengstoffen. Erst mit der
beginnenden Industrialisierung wurden Walfangprodukte durch Erdöl ersetzt,
dessen Nutzung aus der heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Allein
durch die ethische Brisanz der Walfangthematik ist es jedoch undenkbar, diesen
Prozess wieder umzukehren, obwohl nach einer regenerativen Alternative zum Erdöl
gesucht wird.
Aber auch ökonomische Bedingungen zeichnen für den historischen Bedeutungswandel
nachwachsender Rohstoffe verantwortlich. Der Ersatz von Erdöl durch
Biokraftstoffe wird nicht nur durch die Flächenkonkurrenz von
Nahrungsmittelproduktion und Energiepflanzenabbau bestimmt, sondern auch von
lokalen wirtschaftlichen Strukturen und Eigentumsverhältnissen. So obliegt die
Regelung zur Verwendung nachwachsender Rohstoffe nicht selten der Politik.
Beispielsweise bietet der Anbau von Energiepflanzen wie Raps und Sonnenblumen
innerhalb der EU einen starken finanziellen Anreiz für landwirtschaftliche
Betriebe, da er auf subventionierten Stilllegungsflächen erfolgen kann.
Ein Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Nachfrage ein wesentlicher Aspekt
für den Anbau nachwachsender Rohstoffe darstellt, ist die Tatsache, dass dieser
sich im Bereich der Drogen und Genussmittel oft auch gegen staatliche Verbote
behauptet. So werden in vielen Ländern Genussmittel wie Tabak oder Drogen wie
Opium, Koka und Cannabis einer herkömmlichen, aber weniger ertragreichen
Landwirtschaft vorgezogen. Besonders beim Hanf- und Mohnanbau ist allerdings zu
bedenken, dass sich diese Pflanzen auch als Textilfasern oder zur Herstellung
von Fetten und Ölen im traditionellen Sinn nutzen lassen.
Aufgrund der Vielzahl von Faktoren, die auf die Nutzung nachwachsender Rohstoffe
einwirken, und auch aufgrund der Schwankungen, den diese Faktoren – allen voran
die Wirtschaft – unterliegen, lässt sich die Zukunft dieser Rohstoffe schwer
prognostizieren. Es ist jedoch zu vermuten, dass sich ihre Relevanz mit der
Suche nach alternativen und ökologisch verträglicheren Energiequellen zukünftig
weiter erhöhen wird. (en200y7) |